Vorsicht, gleich tut es weh!

Wie stark jemand Schmerz empfindet, hängt auch von seinen Erwartungen ab. Warum Menschen den gleichen physikalischen Schmerzreiz unterschiedlich stark empfinden und wie man das beeinflussen kann, darüber wird am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig geforscht.

Wir alle kennen die Situation, man schneidet etwa Gemüse und schon ist es passiert, man hat sich in den Finger geschnitten. Vielleicht haben wir aber unbewusst schon vor dem Schneiden gedacht: Bloß nicht in den Finger schneiden! Und genau das kann das Schmerzgefühl verstärken.

Schmerz ist eine Sinneswahrnehmung, ähnlich wie Hören und Sehen. Schmerzen werden über Schmerzrezeptoren in Haut, Organen und Muskeln wahrgenommen. Der Schmerzreiz wird dann über die Nervenbahnen ans Gehirn weitergeleitet. Der Unterschied zu den anderen Sinnen ist, dass Schmerz eine emotionale Komponente hat, und zwar meist eine negative. Das ist der Grund dafür, dassder wahrgenommene Schmerz oft nicht mit dem physikalischen Reiz übereinstimmt. So kann eine Erwartung das Schmerzempfinden beeinflussen, was Teil eines wichtigen Lernprozesses ist. Anhand von Erfahrungen bereitet man sich unbewusst vor, was als nächstes passieren könnte und kann sich somit vor eventuellen Verletzungen schützen.

Schmerz setzt sich aus Signalen zusammen, die tatsächlich eintreffen und aus anderen, die aufgrund der Erwartung erzeugt werden. So können Menschen mit chronischen Schmerzen ein erhöhtes Schmerzempfinden haben, z. B. aufgrund der Erfahrungen bei bestimmten Bewegungen.

Dr. Falk Eippert, Leiter der Forschergruppe „Schmerzwahrnehmung“ und sein Forscherteam wollen herausfinden, welchen „Anteil“ die Erwartung des Schmerzes an der Stärke des empfundenen Schmerzes hat. Ziel ist auch, mögliche Therapien für Schmerzpatienten zu entwickeln.

Besonders bei Patienten mit chronischen Schmerzen hat die Erwartung des Schmerzes bei Bewegung die Folge, dass sie sich weniger bewegen. Das ist jedoch fatal, da, wie Studien zeigen, Bewegung eines der wichtigsten Mittel gegen chronische Schmerzen ist, etwa bei chronischen Rückenschmerzen.

Die Leipziger Forscher entwickelten eine Methode, mit deren Hilfe man von der Erwartung auf Schmerzen mit Musik „abgelenkt“ wird. Es ist ein Mix aus Sport und freiem musikalischen Improvisieren, das sogenannte Jymmin (gesprochen: jammin). Beim Jymmin werden Bewegungen an Fitnessgeräten in musikalische Klänge übersetzt. Eine Kompositionssoftware verarbeitet die Bewegung so, dass daraus eine für jeden Teilnehmer individuelle Begleitmusik entsteht: Jeder komponiert durch die Stärke der Bewegung die eigene Musik. Das Besondere ist, dass diese Fitnessmethode die Schmerzwahrnehmung verändern kann. Und es funktioniert auch bei Schmerzpatienten. Vor allem bei denen, die besonders große Angst vor Bewegung haben, senkt Jymmin die Furcht vor Schmerzen. Ein möglicher Grund dafür ist, so die Forscher, dass die Betroffenen ihre Aufmerksamkeit gezielt auf etwas anderes lenken, und zwar darauf, dass der eigene Körper Musik erzeugt. Bei Schmerzpatienten spielt die Angst vor Kontrollverlust eine enorme Rolle. Das Jymmin wirkt dem entgegen, es gibt den Patienten das Gefühl, Dinge selbst und aktiv beeinflussen zu können.


Erstellt: 18.02.2021

Quelle:

https://www.cbs.mpg.de/forschung/schmerz-wenn-es-wehtut