Wenn Kortison den Zuckerspiegel hebt

6.5.2019

(RaIA / dgk) Wenn Menschen an Diabetes erkranken, ist laut Ratgeber aus Ihrer Apotheke nicht immer der Lebensstil schuld. „Jenseits von Übergewicht, mangelnder Bewegung oder familiärer Veranlagung können die Ursachen dafür hormoneller Art sein“, sagt Professor Matthias M. Weber, Leiter der Abteilung Endokrinologie der Universitätsmedizin in Mainz.

Häufig wird aufgrund der zu hohen Blutzuckerwerte zunächst nur ein Diabetes diagnostiziert. „Eine Hormonuntersuchung kann und sollte dann jedoch Klarheit über mögliche Ursachen bringen“, betont der Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Wird dabei beispielsweise ein Überschuss des Steroidhormons Kortison festgestellt, könnte das sogenannte Cushing-Syndrom dahinterstecken. „Ursache für das Zuviel an Kortison ist meist ein gutartiger hormonproduzierender Knoten in der Hirnanhangdrüse. Diesen kann man heutzutage oft sehr gut operativ entfernen oder medikamentös behandeln“, erklärt Weber. Diabetes und Gewichtsprobleme sind in diesem Fall durch eine Operation heilbar.

Tumore in der Hirnanhangdrüse können auch dazu führen, dass vermehrt Wachstumshormone ausgeschüttet werden. Bei Kindern kommt es dann zu schnellem Wachstum, das zu Gelenkschmerzen, starkem Schwitzen und hoher Körpergröße führt. Bei Erwachsenen verändert sich das Aussehen – Nase, Hände und Füße vergrößern sich, die Wangenknochen treten hervor. Diese Hormonstörung nennt sich Akromegalie. Sie schädigt innere Organe und kann auch zu Diabetes führen. Wenn der Tumor früh erkannt wird, sind die Heilungschancen sehr gut. 80 Prozent der Akromegalie-Patienten können durch die operative Entfernung des Tumors von ihren Beschwerden geheilt werden.

Kortison hemmt das Insulin

Kortison wird vom Körper selbst produziert. Er schüttet das Stresshormon in akuten Belastungssituationen sehr schnell in die Blutbahn aus. Kortison regt den Stoffwechsel an und wirkt entzündungshemmend. Gleichzeitig ist es aber einer der wichtigsten hormonellen Gegenspieler von Insulin und schwächt dessen Wirkung in den Zellen ab. Diese können daraufhin den Blutzucker nicht mehr optimal verwerten, der Zuckerspiegel steigt.

Ein Überschuss an Kortison kann auch durch die langfristige Einnahme von Medikamenten entstehen. Muss ein Patient beispielsweise wegen einer entzündlichen oder rheumatischen Erkrankung Kortison bekommen, hat das ebenfalls Auswirkungen auf den Blutzuckerspiegel. „Zu den Nebenwirkungen von Kortison gehört eine deutliche Verschlechterung der Blutzucker-Stoffwechsellage. Das kann bis zum Auftreten eines Diabetes führen“, so Professor Weber. Dann müssen Arzt und Patient gemeinsam Nutzen und Risiken abwägen. Wenn Kortison als Arzneimittel unverzichtbar ist, muss der Blutzuckeranstieg mit Diabetesmedikamenten oder Insulin reguliert werden. „Insulin ist das einzige Hormon, das den Blutzuckerspiegel senkt. Für die Diagnose eines Diabetes und eine optimale Behandlung müssen wir immer auch die Gegenspieler im Blick haben, also die Hormone, die für mehr verfügbaren Blutzucker sorgen. Nur so können auch seltene Ursachen gefunden und eine optimale Behandlung des Patienten erreicht werden“, resümiert Weber. Auch wenn Cushing-Syndrom und Akromegalie relativ selten sind: Sie sollten als Verursacher erhöhter Blutzuckerspiegel in Betracht gezogen werden.