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Akupunktur bei chronischen Rücken- oder Knieschmerzen wird ab sofort von der Krankenkasse erstattet
(Marburg, 20.04.06) Nach jahrelangem Ringen und mehrfacher Verschiebung entschied der zuständige Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) am 18. April 2006, dass gesetzlich Versicherte ab sofort einen Anspruch auf Kostenübernahme einer Akupunkturbehandlung haben. Allerdings ist die Erstattung ausdrücklich nur für die Indikation chronischer Schmerz im Bereich des Rückens oder der Knie beschränkt.
Die Anwendung der Akupunktur zur Migräneprophylaxe oder bei Spannungskopfschmerz wurde nach heftiger Diskussion und unter Protest der Patientenvereinigung nicht in den Leistungskatalog aufgenommen. Angesichts der in der GERAC-Migränestudie nachgewiesenen vergleichbaren Wirksamkeit zur medikamentösen Behandlung liegt der Verdacht nahe, dass angesichts Millionen deutschen Kopfschmerzpatienten die Sorge einer Kostenexplosion die Entscheidung nicht unbeeinflusst ließ.
Dennoch wird mit der jetzt beschlossenen Regelung ein neues Kapitel in der Anerkennung der Akupunktur als seriöse medizinische Therapie aufgeschlagen.
Zugegeben, zur Linderung von chronischen Schmerzen eine halbe Stunde lang mit Nadeln gestochen zu werden, klingt eher nach gezielter Folter als nach Heilung. Der Begriff „Schmerztherapie“ scheint in diesem Zusammenhang eine ganz neue Bedeutung zu erhalten. Tatsächlich aber lassen sich mit Akupunktur nicht nur vergleichbare therapeutische Effekte wie mit medikamentöser Behandlung erzielen, teilweise ist die chinesische Heilmethode westlicher Standardtherapie sogar überlegen. Das jedenfalls zeigten gerade erst in Deutschland durchgeführte Großstudien. Hoffnung also für viele von chronischen Schmerzen Geplagte?
Der lange Marsch
Akupunktur, von der westlichen Medizin Jahrhunderte lang ignoriert, belächelt und schließlich bekämpft, entwickelte sich im letzten Jahrzehnt in fast allen Industrienationen zur populärsten alternativen Heilmethode. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt die Akupunktur inzwischen für 40 verschiedene Krankheitszustände. Westliche Schulmediziner rollten nichts desto trotz bis in die jüngste Vergangenheit meist mit den Augen, wenn Kollegen die Methode zur Behandlung medizinischer Indikationen anwendeten. Das änderte sich erst, als Ende 2005 die Daten der in Deutschland durchgeführten GERAC-Studie vorgestellt wurden, einer weltweit einmaligen Untersuchung zur Wirksamkeit der Akupunktur nach westlichen klinischen Standards.
Was ist eigentlich Akupunktur?
Bei der Methode der Akupunktur werden sehr feine Nadeln an bestimmten so genannten Akupunkturpunkten in die Haut des Patienten gestochen. Bis auf einen kleinen Pieks beim Auftreffen ist die Behandlung praktisch schmerzlos.
Nach traditioneller chinesischer Heiltheorie lassen sich auf diese Weise über den Körper verlaufende Lebensenergiebahnen („Qi) gezielt beeinflussen. Ist der Energiefluss gestört, entwickeln sich Schmerzen und Krankheiten. Die Stimulation der Akupunkturpunkte („Meridiane“) mittels der Nadeln soll den Energiefluss dann wieder optimieren und die Blockaden aufheben.
Die westliche Medizin hat bisher noch keine Erklärung für die bei Akupunktur auftretenden Effekte. Dass diese recht drastisch ausfallen können, zeigt sich beispielsweise daran, dass in China sogar Operationen unter Akupunktur durchgeführt werden. Der Patient wird dabei ausschließlich über das Setzen von Akupunkturnadeln auf die Haut schmerzfrei gehalten und kommt den gesamten Eingriff über ohne jegliche Narkose aus.
GERAC-Studie
Die Anerkennung der Akupunktur von der westlichen Schulmedizin blieb nicht zuletzt deshalb verwehrt, weil keine klinischen Studien nach westlichem Standard vorlagen – zumindest keine in römischen Schriftzeichen verfasste (sämtliche in chinesischer Schrift veröffentlichten wissenschaftlichen Berichte werden außerhalb Asiens praktisch nicht beachtet). In Deutschland entschloss man sich deshalb unter Koordination der Ruhr-Universität Bochum zu einer weltweit größten mehrteiligen Großstudie mit mehreren tausend Patienten („German Acupunktur Trials“). Die Ergebnisse wurden 2004 und 2005 ausgewertet:
Rücken- und Knieschmerzen: Patienten erhielten entweder eine medikamentöse Standardtherapie, eine Akupunktur nach traditioneller Methode oder eine „Scheinakupunktur“, bei der Nadeln willkürlich neben den eigentlichen Akupunkturpunkten gestochen wurden. Das Ergebnis verblüffte in mehrfacher Hinsicht.
Peinlich für die Anhänger der klassischen Akupunktur: Das willkürliche Setzen der Nadeln war im Bezug auf die nachhaltige Schmerzlinderung fast genau so effektiv wie die „eigentliche“ Therapie.
Peinlich für die schulmedizinischen Skeptiker: Beide Formen der Akupunktur waren bei Rückenschmerz fast doppelt so wirksam, als die westliche Standardtherapie mit Antiphlogistika, Opiaten und Krankengymnastik. Bei Kniegelenksverschleiß war die Überlegenheit sogar noch ausgeprägter.
Migräne: Eine sechswöchige Akupunkturtherapie mit 11 Sitzungen erwies sich als ebenso wirksam in der Anfallsreduktion wie eine dauerhafte Prophylaxetherapie mit Medikamenten.

zum Download:
Diskussion und Ausblick
Die Wirksamkeit der Akupunktur auch und gerade gegenüber herkömmlicher medikamentöser Therapie wurde mit der GERAC-Studie eindeutig belegt. Nicht geklärt werden konnte das bereits aus früheren Untersuchungen bekannte Phänomen, dass auch das willkürliche Setzen von Akupunkturnadeln einen nachhaltigen Schmerzlindernden Effekt hat. Diskutiert wird eine „unspezifische“ Ausschüttung von Endorphinen, also von körpereigenen Opiaten. In wie weit auch eine Placebowirkung im Spiel ist, wird man bald genauer erforschen können. An der Universität Paderborn experimentiert man mit Lasernadeln. Durch den Einsatz dieser besonderen Akupunkturtechnik kann weder Patient, noch der Untersucher wissen, ob wirklich ein Reiz gesetzt wird oder ob er nur vorgetäuscht wird. Ein Placeboeffekt ist so ausgeschlossen.
Infokasten Akupunktur

zum Download:
ServiceInfokasten.pdf
Vorteile:
- Minimal invasiv
- Praktisch ebenwirkungsfrei
Nachteile:
- nicht bei jedem (gleich) wirksam
- kosten- und zeitintensiv (zumindest zu Anfang)

