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Neue Möglichkeiten bei hochgradiger Schwerhörigkeit
Kombination von Hörgerät und Cochlea Implantat zeigt gute Hörerfolge
(Marburg, 28.08.2002) Bisher hieß es bei starker Innenohr-Schwerhörigkeit: entweder Hörgeräte oder Cochlea Implantat. Wissenschaftler haben nun einen neuen Weg eingeschlagen und mit der so genannten elektrisch-akustischen Stimulation (EAS) die Vorteile beider Techniken kombiniert. Die Ergebnisse sind vielversprechend.
Rund 14 Millionen Menschen in Deutschland sind schwerhörig. Vielen von ihnen kann heute durch hochmoderne, digitale Hörgeräte geholfen werden. Bei sehr starkem oder völligem Verlust der Hörfähigkeit finden Hörgeräte jedoch ihre Grenzen. Für Personen mit extremer Innenohrschwerhörigkeit wurden daher in den achtziger Jahren die ersten Hörimplantate, so genannte Cochlea Implantate (CIs), entwickelt.
Cochlea ist der medizinische Ausdruck für das Innenohr. Dies ist ein mit Flüssigkeit gefülltes Organ, in dem sich mehr als 25.000 Haarzellen befinden. Normalerweise versetzen Geräusche die Innenohrflüssigkeit in Schwingung. Dadurch richten sich die Haarzellen in für den akustischen Impuls typischer Form aus und geben die elektrischen Signalen an den Hörnerv weiter. Sind sie jedoch beeinträchtigt oder zerstört, geht die Hörfähigkeit zurück beziehungsweise verloren.
Cochlea Implantate imitieren nun den normalen Hörvorgang. Sie ermöglichen eine Umsetzung akustischer Eindrücke in elektrische Impulse, welche dann direkt an den Hörnerv weitergegeben werden. CIs bestehen aus zwei Einheiten, und zwar der externen, deren wichtigster Bestandteil der Sprachprozessor ist, und der internen, also implantierten, die letztlich die elektrischen Impulse aussendet.
Bisher musste bei der Versorgung hochgradig Hörgeschädigter entschieden werden, ob Hörgeräte oder aber Cochlea Implantate in Frage kommen. Lässt sich das Innenohr noch stimulieren, werden in der Regel Hörgeräte eingesetzt. Der Gewinn an Sprachverständnis ist bei sehr starker Schwerhörigkeit jedoch begrenzt. CIs ermöglichen in diesen Fällen einen besseren Höreindruck. Durch die Implantation kann allerdings ein eventuell vorhandenes Resthörvermögen zerstört werden.
Wissenschaftler der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main haben sich daher der Frage angenommen, wie die Vorteile beider Versorgungsformen kombiniert werden könnten. Ihr Ziel: Die Resthörfähigkeit wird durch den Einsatz von Hörgeräten genutzt und das CI gibt zusätzlich künstlich erzeugte Impulse an den Hörnerv ab. Das bedeutet, das Innenohr der so Versorgten muss gleichzeitig akustische wie auch elektrische Reize verarbeiten. Über positive Erfahrungen mit einer behutsamen Operationsmethode ("soft surgery") hatten schon Professor Dr. Roland Laszig (Freiburg) und Professor Dr. Ernst Lehnhardt (Hannover) berichtet. Das Team um Professor Dr. Christoph von Ilberg und - in seiner Nachfolge - Professor Dr. Wolfgang Gstöttner gingen nun einen Schritt weiter und entwickelten in Kooperation mit einem österreichischen Cochlea-Implantat- Hersteller geeignete Elektroden und eine spezielle chirurgische Implantationstechnik, damit das Restgehör trotz der Implantation erhalten bleibt.
Inzwischen liegen zahlreiche Untersuchungsergebnisse vor, die das Potential der neuen Methodik verdeutlichen. Die Kombination von Hörgerät und CI erwies sich dabei besonders effektiv für das Sprachverständnis im Störlärm. Als Störlärm bezeichnen die Wissenschaftler solche Geräusche, die "nebenbei" auf den Menschen einwirken, etwa Stimmengewirr, Klappern von Geschirr oder brummende Motoren. Gerade diese Hintergrundgeräusche erschweren Menschen mit Hörproblemen die Kommunikation. Einer der untersuchten Patienten konnte beispielsweise - versorgt nur mit Cochlear Implantat oder aber mit Hörgerät allein - im Störlärm weniger als 20 Prozent aller Wörter verstehen. Durch die Kombination von CI und Hörgerät verbesserte sich sein Sprachverständnis hingegen deutlich: Nun vermochte er etwa 60 Prozent der Wörter korrekt wiederzugeben.
Welchen Fortschritt die Kombinationsmethode darstellt, erläutert Professor Gstöttner: "Einer unserer Patienten verstand unter erschwerten Hörbedingungen mit CI allein wie auch mit Hörgeräten allein nichts mehr, das Sprachverständnis war also jeweils gleich Null. Verwendete er aber die Versorgungsformen CI und Hörgerät in Kombination, so stieg auch bei ihm das Sprachverständnis auf 60 Prozent, das heißt: Er konnte etwa zwei von drei Wörtern wieder verstehen!"
Für Patienten mit starker Hochtonschwerhörigkeit, die über ein Resthörvermögen im Tieftonbereich verfügen, bedeutet das: Die gleichzeitige Nutzung von elektrischen wie akustischen Reizen - die so genannte elektrisch-akustische Stimulation (EAS), also Cochlea Implantat plus Hörgerät - kann das Sprachverständnis und somit die Kommunikation wesentlich verbessern. Wichtige Voraussetzungen sind dabei allerdings der Einsatz spezieller chirurgischer Techniken sowie die Verwendung geeigneter Implantatelektroden.
Mehr zum Thema finden Sie unter www.fgh-gutes-hoeren.de .

