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Zehn Länder melden neue Krankheitsfälle
(Marburg, 26.08.04) Die Weltgesundheitsorganisation WHO (www.who.int) warnt vor einer Polio-Epidemie in Zentral- und Westafrika. Zehn afrikanische Länder, die das Virus zuvor ausgerottet hatten, haben jetzt neue Krankheitsfälle gemeldet.
Die neuen Fälle von Kinderlähmung seien unter anderem in Guinea, Mali und der sudanesischen Krisenregion Darfur aufgetreten. Das Polio-Virus hat damit den Schutzwall durchbrochen, den die WHO im Frühjahr durch breit angelegte Impfkampagnen in den Nachbarstaaten Nigerias aufgebaut hatte.
Der langjährige Präsident und mittlerweile Ehrenpräsident des Deutschen Grünen Kreuzes e.V., Prof. Dr. med. Burghard Stück, war Mitglied der achtköpfigen Europäischen Regionalen Zertifizierungskommission der WHO, die Jahre lang die Poliosituation in Europa begutachtet hatte. Die Experten gaben 2002 bekannt: Europa ist poliofrei. Damals wurden nur noch in wenigen Ländern wie etwa Indien, Afghanistan oder Eritrea Polioerkrankungen registriert. Die aktuelle Situation in Afrika erfüllt Prof. Stück mit Sorge. Er appelliert, dass sich auch in Deutschland weiterhin alle gegen Polio impfen lassen sollten. "Selbst wenn bei uns keine akute Gefahr einer Kinderlähmung mehr droht, hat die Impfung das Ziel, den Anteil der Menschen mit Schutz gegen die Kinderlähmung ausreichend hoch zu halten", so Stück. Jederzeit könne die Polio gerade durch Afrika-Reisende wieder eingeschleppt werden.
Epidemisch ist die Polio derzeit noch in sechs Ländern. Neben Nigeria (476 Fälle), sind dies Indien (34), Pakistan (23), Niger (19), Afghanistan (3) und Ägypten (1). Importierte Fälle (ohne Übertragung auf andere Kinder) hat es in den folgenden Ländern gegeben: Tschad (12), Elfenbeinküste (9), Burkina Faso (6), Benin (6), Sudan (5), Zentralafrikanische Republik (3), Mali (2), Guinea (1), Kamerun (1) und Botswana (1).
Mali und Guinea haben die ersten Erkrankungen seit fünf Jahren gemeldet. Drei weitere Fälle wurden in der sudanesischen Darfur-Region beobachtet. Die WHO hatte zuletzt gehofft, dass Polio weltweit bis Ende des Jahres ausgerottet sein würde.
Für die letzten Erkrankungen werden Schwierigkeiten bei Impfungen in Nigeria verantwortlich gemacht. Islamische Geistliche hatten in Kano Immunisierungskampagnen als amerikanische Verschwörung zum Unfruchtbarmachen muslimischer Frauen verdammt. Die WHO versuchte in der Folge eine weitere Ausbreitung durch den Schutz der Menschen in den benachbarten Ländern zu erreichen.
Mali und Guinea befanden sich außerhalb dieser Schutzzone, die von der WHO und UNICEF mit einer Impfkampagne im Februar errichtet wurde. Bruce Aylward von der Global Polio Eradication Initiative (www.polioeradication.org) erklärte, dass die letzten Erkrankungen darauf hinwiesen, dass die Anstrengungen zur Eindämmung des Virus nicht erfolgreich gewesen seien. Die Hochsaison für die Übertragung von Polio beginnt im September.
Vor allem Kinder unter fünf Jahren können sich durch verseuchte Nahrungsmittel oder Wasser infizieren. Das Virus schädigt das zentrale Nervensystem, was zu Lähmungen, Hirnhautentzündung und Tod führen kann.
Die WHO hatte sich ursprünglich das Ziel gesetzt, die Krankheit bis Anfang 2005 auszurotten. Für die im Herbst dieses Jahres geplanten Massenimpfungen in 22 afrikanischen Ländern fehlten aber bisher etwa 100 Millionen Dollar. Zudem behinderten die Unruhen in Darfur und der Elfenbeinküste eine flächendeckende Immunisierung.
Der Rat des DGK: Eine zusätzliche Impfung gegen Kinderlähmung ist bei zuvor vollständig gegen Kinderlähmung geimpften Personen nur dann erforderlich, wenn sie einem besonderen Infektionsrisiko ausgesetzt sind und die letzte Impfung gegen Kinderlähmung mehr als zehn Jahre zurückliegt. Vor Antritt einer Reise erkundigen Sie sich bei Ihrem Hausarzt oder beim Gesundheitsamt, ob eine derartige Impfung empfohlen wird. Ihr Arzt kann anhand des Impfbuches auch überprüfen, ob Ihr Impfschutz vollständig oder eine Auffrischimpfung notwendig ist. Falls noch andere Imfungen fehlen, wie gegen Tetanus, Keuchhusten und Diphtherie, können Kombinationsimpfstoffe wie zum Beispiel ein Vierfach-Impfstoff eingesetzt werden.
Weitere Informationen über die Krankheit und den Impfschutz

