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(Marburg, 28.10.05) Polio: Trotz enormer Anstrengungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) konnte die Krankheit noch nicht ausgerottet werden. Der 28. Oktober wird weltweit als Polio-Tag begangen. An diesem Tag wurde der Entdecker des Poliomyelitis-Virus geboren. Doch der von Jonas Salk entdeckte Erreger der Krankheit, der in Europa und anderen Teilen der Welt schon als ausgerottet galt, ist noch immer aktiv - und das nicht nur in Asien und Afrika, sondern auch dort, wo die Impfraten zu niedrig sind.
Die Zahl der Neuinfektionen mit Kinderlähmung steigt dramatisch. Weltweit sind 1.414 Poliofälle gemeldet (Stand 25. Oktober 2005). Die meisten in Nigeria mit 522, gefolgt von Jemen mit 473 und Indonesien mit 278 Fällen, nachdem dort die Krankheit zuvor zehn Jahre lang nicht aufgetreten war. Nur 1 von 100 bis 1.000 Infizierten erkrankt tatsächlich. Das bedeutet, dass die Zahl der symptomlos Infizierten sehr hoch ist und das Virus auch von ihnen verbreitet wird. Auch in den USA sei nach 26 Jahren erstmals wieder ein Ausbruch der Kinderlähmung registriert worden, berichtet die Nachrichtenagentur dpa: In einer Gemeinde der Amish People im Bundesstaat Minnesota seien mindestens vier Kinder erkrankt. Diese religiöse Gruppe lehnt Impfungen ab.
Der Weltpoliotag soll auch auf all jene aufmerksam machen, die mit den Folgen der Erkrankung leben müssen. So gibt es in Deutschland noch etwa 60.000 Menschen, die vor Einführung der Impfung an Kinderlähmung erkrankten. Etwa 20 bis 40 Prozent von ihnen leidet nach Angaben des Bundesverbandes Polio e. V. heute an einem Post-Polio-Syndrom, das Jahrzehnte nach überstandener Krankheit auftreten und sich beispielsweise durch starke Müdigkeit oder neu einsetzende Lähmungserscheinungen mit Muskelschwund und Schmerzen äußern kann.
Bei der Kinderlähmung weist bereits der Begriff „Lähmung“ darauf hin, wie gefährlich die Erkrankung ist. Erschreckend vielen ist nicht bewusst, dass auch „Kinderkrankheiten“ schwere Komplikationen nach sich ziehen können. Masern zum Beispiel verursachen bei einem von 1.000 erkrankten Kindern eine Gehirnentzündung (Enzephalitis), im Jugendlichenalter steigt die Rate auf 1 zu 500 an. Die Enzephalitis endet in 30 Prozent der Fälle tödlich. Weitere 20 Prozent der Betroffenen tragen bleibende Schäden davon. Weil immer noch zu wenige Kindern geimpft sind, kommt es regelmäßig zu Ausbrüchen, zuletzt im Sommer 2005 in Oberbayern.
Pro Jahr erkranken durch Masern allein in Deutschland 4 bis 10 Kinder an der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE), einer stets tödlich verlaufenden Spätfolge der Masern. Seit 1988 sind mehr als 120 Kinder in Deutschland daran gestorben. Im September erkrankten ein zehnjähriges Mädchen aus dem Saarland und ein elfjähriger Junge aus Baden-Württemberg. Eine rechtzeitige Impfung ist die einzige Möglichkeit, eine Panenzephalitis durch Masernviren zu verhindern.
Diese Spätfolge der Maserninfektion ist offenbar gar nicht so selten, wie bisher vermutet worden ist. Das belegen auch aktuelle Studienergebnisse aus den USA.
Sämtliche Gefahren durch Masern und andere Infektionskrankheiten wie Mumps, Diphtherie, Tetanus, Pertussis sowie Hepatitis A und B lassen sich heutzutage durch verträgliche Impfstoffe abwenden. Wer geimpft ist, schützt sich selbst und auch andere vor gefährlichen Infektionskrankheiten, die im schlimmsten Fall sogar tödlich enden können.
Quellen:
Dr. William Bellini et. al., Centers for Disease Control, Atlanta “Subacute Sclerosing Panencephalitis: More Cases of This Fatal Disease Are Prevented by Measles Immunization than Was Previously Recognized” in: J Infect Diseases 192, 2005, 1686.
„Enzephalitis durch Masern häufiger als gedacht“ in: Ärztezeitung, 29.09.2005
„Masern-Impfung rettet vielen tausend Kindern jedes Jahr das Leben“ in: Ärztezeitung, 07.10.2005

