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(Marburg, 1.02.06) „Polio sollte eigentlich ausgerottet sein, spätestens bis 2006. Daraus wird wohl nichts. Im Gegenteil: Die Kinderlähmung breitet sich weiter aus. Erstmals bestehen derzeit in poliofreien Ländern mehr Erkrankungen als in Ländern mit starker Verbreitung der Erkrankung,“ hieß es noch in den vergangenen Monaten in den Medien.
Darstellung eines Poliokranken,
Ägypten 18. Dynastie 1403 - 1365 v. Chr
Foto: DGK
Nun verkünden die Vereinten Nationen: Ägypten ist nach Jahrtausenden erstmals frei von Kinderlähmung (Poliomyelitis). Noch Ende der 80er-Jahre waren in dem nordafrikanischen Land tausende Poliofälle jährlich registriert worden. Auch im Niger ist die Kinderlähmung ausgerottet. In den beiden afrikanischen Ländern sei in den vergangenen zwölf Monaten niemand mehr erkrankt, teilte die WHO am Mittwoch in Genf mit.
In Ägpyten war die Kinderlähmung nach archäologischen Funden bereits zu Zeiten der Pharaonen 2000 v. Chr. verbreitet. Seit 1988 wurde die Krankheit im Lande systematisch bekämpft. Das Engagement zehntausender Helfer, die breit angelegte Impfaktionen starteten, habe zum Erfolg geführt, betonte UNICEF. Diese Teams seien im ganzen Land von Haustür zu Haustür gegangen. Bis Anfang der 90er-Jahre wurden etwa elf Millionen Kinder mehrmals geimpft. Nationale und internationale Organisationen, darunter die WHO, leisteten technische und finanzielle Unterstützung. Der letzte Fall von Kinderlähmung wurde vor rund zwei Jahren in Ägypten gemeldet.
Im vergangenen Jahr sind in mehreren Ländern aber wieder Fälle von Polio aufgetreten (Stand 23. Januar 2006): in Somalia, in der Umgebung von Mogadishu (2005 wurden insgesamt 154 Fälle diagnostiziert), im Jemen (insgesamt 478) und auch in Indonesien (299 Fälle). (siehe Topnews vom 12.01.06)
Die Epidemien sind noch nicht unter Kontrolle, obwohl inzwischen große Impfkampagnen angelaufen sind. Die Vereinten Nationen wollten die Krankheit mit Massenimpfungen weltweit ausrotten. Das Ziel der WHO war eigentlich, Kinderlähmung bis zum Ende des vergangenen Jahres weltweit zu besiegen. Dies scheiterte jedoch an einem Impfboykott der Behörden in Nigeria, der durch Einschleppen der Viren den neuerlichen Ausbruch in verschiedenen Ländern Afrikas, dem Nahen Osten und sogar Indonesien zur Folge hatte. Im Oktober vergangenen Jahres meldeten sogar die USA die ersten Poliofälle seit 26 Jahren bei vier Kindern der streng religiösen Amish-Volks. Besonders betroffen von der Kinderlähmung sind heute nach UN-Angaben jedoch nur noch Nigeria, Indien, Pakistan und Afghanistan.

