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(Marburg, 22.05.06) Pneumokokken-Impfstoff muss auch in Entwicklungsländern in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Eine Gruppe führender Weltgesundheitsexperten hat sich nun zusammengetan, um den Weg dafür zu bereiten. Sie verhandeln mit Herstellern von Impfstoffen und internationalen Gebern ebenso wie mit den Regierungen der Entwicklungsländer, damit Netzwerke zur Überwachung von Krankheiten aufgebaut und Vorbereitungen für die Einführung von Pneumokokken-Impfungen getroffen werden.
Die Experten glauben, dass wegen der enormen Belastung durch diese Krankheit dringendes Handeln zur Einführung routinemäßiger Pneumokokken-Impfungen im Kindesalter erforderlich ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass ca. 1,6 Millionen Menschen – davon sind bis zu eine Million Kinder unter fünf Jahre – jedes Jahr an Pneumokokken-Pneumonie, Meningitis und Sepsis sterben. Bei Bevölkerungen mit hohen Kindersterblichkeitsraten ist Pneumonie die häufigste Todesursache aufgrund von Infektionen und trägt zu etwa 20 bis 25 Prozent aller Todesfälle im Kindesalter bei.
Erfolgversprechend sei die Tatsache, dass ein siebenvalenter Impfstoff, der gegen die sieben im Kindesalter häufigsten Bakterienstämme der Krankheit wirksam ist, bereits eine Lizenz besitzt und in mehr als 60 Ländern eingesetzt wird und dass Rezepturen, die zusätzliche Serotypen des Organismus enthalten und die ebenso für Entwicklungsländer relevant sind, sich in Entwicklung befinden. Die WHO sieht Pneumokokken-Impfstoffe als eine Priorität an und erkennt die Dringlichkeit, diese Impfstoffe für Kinder in den Entwicklungsländern zur Verfügung zu stellen.
Die Einführung eines siebenvalenten Impfstoffs (schützt vor sieben verschieden Pneumokokkentypen, die im Kindesalter häufig auftreten) zum jetzigen Zeitpunkt bedeutet, dass ab sofort Leben gerettet werden kann. Der Impfstoff ist wirksam, gut verträglich und kann über bestehende Impfprogramme geliefert werden. Kontrolldaten aus den USA zeigen, dass der Herdenimmunitäts-Effekt einer routinemässigen Pneumokokken-Impfung im Kindesalter zweimal so viele Fälle verhindert wie die direkten Auswirkungen der Impfung selbst und damit sowohl gefährdete Erwachsene als auch Kinder schützt.
Auch in Deutschland sind Pneumokokken häufig Ursache für schwere Krankheitsverläufe, oftmals mit bleibenden Schädigungen oder gar Todesfolge. Die Infektionen verlaufen oft so rasch und aggressiv, dass auch eine intensivmedizinische Behandlung und Antibiotikagabe versagen.
Zurzeit gibt es in Deutschland nur eine Empfehlung für die "Indikationsimpfung" bei denjenigen Kindern, die durch Vorerkrankungen besonders gefährdet sind. Tatsache ist aber, dass Pneumokokken generell für alle, also auch für gesunde Kinder, gerade in den ersten zwei Lebensjahren gefährlich sind. Grund sind die "speziellen Tricks", mit denen die bekapselten Bakterien, zu denen auch Meningokokken und Hib (Haemophilus influenzae Typ b) zählen, gerade dem kindlichen Immunsystem entkommen. Die generelle Impfempfehlung wird von Experten intensiv diskutiert und es ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahren auch hier alle Kinder gegen Pneumokokken geimpft werden sollen - in den USA ist das übrigens schon seit Jahren empfohlen. Und dort hat man die Beobachtung gemacht, dass eine so genannten Herdenimmunität aufgebaut wird. Weil viele Kinder geimpft sind, profitieren auch Ungeimpfte, zum Beispiel ältere Menschen, für die Pneumokokken-Erkrankungen ebenfalls bedrohlich sind, weil die Erregerzirkulation unterbrochen wird.
Obwohl in Deutschland eine allgemeine Impfempfehlung noch aussteht, können Kinder jederzeit geimpft werden, wenn Eltern diesen zusätzlichen Schutz für ihre Kinder wollen oder der Arzt die Impfung für angezeigt hält. Momentan werden die Kosten von den meisten Kassen nur bei Vorliegen einen Indikation getragen - eine Ausnahme ist Sachsen, dort wird die Impfung seit Januar 2006 für alle Kinder in den ersten beiden Lebensjahren bezahlt.
Quellen:
WHO. Pneumococcal vaccines. Wkly Epidemiol Record 2003; 14:110-19
Williams BG, Gouws E, Boschi-Pinto C et al. Estimates of worldwide distribution of child deaths from acute respiratory infections. Lancet Infect Dis 2002; 2: 25-32

