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Evolution: Ursprung für selbstloses Verhalten entdeckt
Foto: Dmitry Naumov-Fotolia

(dgk) „Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf.“ Dieses afrikanische Sprichwort beschreibt anschaulich eine Besonderheit des Menschen: Dass er nämlich wie kein anderes Lebewesen den Nachwuchs gemeinschaftlich aufzieht. Neben der Mutter beteiligen sich Vater, Geschwister, Großeltern, Tanten und Onkel daran oder, wie in Afrika, sogar ein ganzes Dorf. Nun hat ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Anthropologin Judith Burkart von der Universität Zürich herausgefunden, dass diese gemeinschaftliche Nachwuchspflege der Ursprung der Selbstlosigkeit ist.

Der Mensch zeichnet sich durch seine hoch entwickelten kognitiven Fähigkeiten aus – und er verhält sich sozial, kooperativ – und oft selbstlos. Ganz anders ist dies ausgerechnet bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen: Spontane Selbstlosigkeit ist bei ihnen kaum zu beobachten, obwohl sie ebenfalls über außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten verfügen. Bestimmte Krallenäffchen hingegen zeigen wie der Mensch altruistisches Verhalten. Seit langem sucht die Wissenschaft nach dem Faktor, der bestimmt, ob sich eine bestimmte Primatenart selbstlos verhält oder nicht. Ist es Intelligenz, soziale Toleranz oder das Vorhandensein starker Bindungen innerhalb der Gruppe, das zu diesem Verhalten führt?

Zur Beantwortung dieser Frage beobachteten die Forscher Sozialverbände von insgesamt 15 verschiedenen Primatenarten. Mit Hilfe einer ausgeklügelten Testeinrichtung untersuchten die Forscher, ob Individuen einer Art bereit sind, uneigennützig zu handeln und einen Leckerbissen für andere Gruppenmitglieder zu beschaffen, auch wenn sie selber dabei leer ausgehen.

«Menschen und goldene Löwenäffchen handelten hochgradig altruistisch und ermöglichten den anderen Gruppenmitgliedern nahezu immer, an die Leckerbissen zu gelangen. Schimpansen dagegen taten dies nur sporadisch», beobachtete Burkart. Andere Primatenarten, wie zum Beispiel Bartmakaken, betätigten den Griff, der einem anderen Gruppenmitglied Futter spendete, überhaupt nicht – dies obwohl gerade Makaken über hohe kognitive Fähigkeiten verfügen.

Auf der Suche nach weiteren Verhaltensparametern, die damit im Zusammenhang stehen könnten, wurden die Forscher schließlich fündig: Spontanes selbstloses Verhalten findet man ausschließlich bei den Arten, bei denen Jungtiere nicht allein von der Mutter, sondern auch von anderen Gruppenmitgliedern wie Geschwistern, Vätern, Großmüttern, Tanten und Onkeln betreut werden, so Burkart.

Die gemeinschaftliche Fürsorge ist beim Menschen sehr ausgeprägt und unterscheidet ihn grundlegend von den Menschenaffen. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass die gemeinschaftliche Aufzucht der Jungen auch die Entstehung der dem Menschen eigenen hochgradigen Kooperationsfähigkeit begünstigte.

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Quellen:
(1) Pressemitteilung der Universität Zürich vom 27.08.2014: Nachwuchs-Pflege im Team ist der Ursprung der Selbstlosigkeit

(2) Burkart, J. M. et al.:
The evolutionary origin of human hyper-cooperation. Nature Communications 5:4747 online publiziert am 27.8.2014 doi: 10.1038/ncomms5747.