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Das neue Jahr: Sehnsucht nach der unzerteilten Zeit
Das neue Jahr: Sehnsucht nach der unzerteilten Zeit
Quelle: olly_Fotolia

In den Kalender 2017 wurden schon seit Sommer 2016 neue Termine eingetragen, das neue Jahr schon früh verplant. Aber eigentlich hat unsere Autorin Sabine Stübe-Kirchhof Sehnsucht nach einer ungetakteten Zeit, dem „Große-Ferien-Gefühl“ aus der Kindheit.

Vier Tage hatte ich frei und wollte mit einer Freundin verreisen. Die Planung ging von einer Zugfahrt nach Venedig über einen Kunsttrip nach Bilbao bis hin zu einem Flug nach Barcelona. Wir führten intensive Gespräche und überlegten lange. Irgendwie konnten wir uns nicht so richtig einigen. Ich schlug dann vor, einfach mit dem Auto loszufahren – ohne festes Ziel.

Letztlich hatte ich Sehnsucht nach dem „Große-Ferien-Gefühl“ aus meiner Kindheit. Für sechs Wochen lag meistens nichts an, einzig das Datum, an dem das neue Schuljahr beginnt, stand fest. Bis dahin wartete nur die große Freiheit auf uns Kinder. Wir schliefen im Stroh, fuhren mit dem Rad an den nächsten See. Ausgestattet mit belegten Broten und ein wenig Kleingeld für eine Kugel Eis, ließen wir die Tage einfach kommen. Aus der vermeintlichen Langeweile, dem Nichtstun, sind wunderbare Dinge entstanden. Wir beobachteten brütende Vögel und bauten uns Hütten aus herumliegenden Brettern und Wellblechen. Ohne dass wir es merkten, lernten wir etwas über das Leben.

Nun, da ich erwachsen bin und nur noch ganz selten das Gefühl habe, über unendlich viel Zeit zu verfügen, glaube ich, mein Leben besser planen zu müssen, damit ich mehr Zeit habe. Wenn ich ehrlich bin, gelingt es mir aber nicht, dadurch freie Zeit zu gewinnen. Mit dem neuen Jahr geht es mir ähnlich, bereits seit August besitze ich einen Kalender für 2017. Seitdem trage ich eifrig meine Termine ein.

Und nun liegt das neue Jahr vor uns. Genau wie bei den Sommerferien steht sein Ende bereits fest. Wie wir aber die 365 Tage füllen, ist uns überlassen. Wie wäre es, das Jahr einfach mal kommen zu lassen und zu schauen, was dann passiert? Wir könnten unseren Freunden und Bekannten Anfang des Jahres schreiben und ihnen davon erzählen, dass wir dieses Jahr nicht von vornherein verplanen möchten, wir zwar weiterhin arbeiten gehen, uns sonst aber ab und zu mal ausklinken. Einige werden neidisch sein, andere in Aufruhr. Manche werden Verständnis haben und vielleicht mitmachen. Vielleicht merken wir auch, dass wir uns verändert haben und es uns gar keine Freude mehr macht, das organisierte Leben an uns vorbeistreichen zu lassen?
Wie dem auch sei, ich lasse das neue Jahr einfach mal kommen. Machen Sie mit?

Übrigens sind wir tatsächlich einfach so ins Blaue gefahren. Es war schön, aber wir mussten ein wenig üben, bis sich das „Große-Ferien-Gefühl“ einstellte. Das macht aber nichts, denn schließlich liegen unsere letzten Sommerferien ja schon ein paar Jahrzehnte zurück.

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