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Alarmierende Studie: Luftschadstoffe setzen besonders der Babylunge zu
Straßennähe gefährdet Kinderlungen: Das Risiko, z. B. an Asthma zu erkranken, ist umso höher, je stärker die Luft am Wohnort mit Feinstaub aus dem Straßenverkehr belastet ist. Foto: Köpenicker - Fotolia.com

Neue Forschungsergebnisse aus Schweden: Hohe Schadstoffbelastung kann Kinderlungen dauerhaft schädigen.

(Marburg, 7. Februar 2013) Freie Fahrt für freie Bürger – das ist ein Slogan, der in den siebziger Jahren von der Automobil-industrie und Automobilverbänden propagiert wurde. Bis heute haben Autofahrer recht freie Fahrt. Ausweichen, so empfehlen es nun Mediziner, sollen die Kleinsten: Eltern sollten mit ihren Säuglingen im Kinderwagen zwar spazieren gehen – aber bitte nicht an vielbefahrenen Straßen.1 Denn eine neue Studie hat gezeigt, dass die Lunge besonders von Kleinstkindern unter den Auspuffgasen leidet.

Laut Forschungsergebnissen schwedischer Wissenschaftler kann eine hohe Schadstoffbelastung in einem Alter unter einem Jahr zu einer dauerhaften Beein-trächtigung der Lungenfunktion führen, die sich auch acht Jahre später noch nachweisen lässt.2 Die Forscher hatten bei 1.900 Kindern von Geburt an bis zum achten Lebensjahr den Gesundheitszustand und Allergiestatus ermittelt. Kinder, die bereits im ersten Lebensjahr einer erhöhten verkehrsbedingten Schadstoffbelastung ausgesetzt waren, wiesen noch acht Jahre später deutliche Defizite in ihrer Atemfunktion auf. Besonders schlecht fielen die Lungenfunktionswerte bei Kindern aus, die zusätzlich an allergischem Asthma oder einer Nahrungsmittelallergie litten. Mediziner erklären dies damit, dass die Entwicklung der Lunge zum Zeitpunkt der Geburt noch längst nicht abgeschlossen ist –  sie braucht hierfür einige Jahre, wobei sie in dieser Zeit besonderen Schutzes bedarf.

Neu sind diese Erkenntnisse nicht. Jahr für Jahr erscheinen Studien, die die negativen Auswirkungen von Luftverschmutzung auf die Gesundheit von Kindern und Erwachsenen belegen.3-6 So wiesen Wissenschaftler in einem deutsch-amerikanischen Forschungsprojekt nach, dass eine erhöhte Feinstaubbelastung Herz- und Gefäßkrankheiten hervorrufen kann. Außerdem stehen die kleinen Partikel im Verdacht, Krebs zu erzeugen und die Hautalterung zu beschleunigen.

Ausgelagert: Wer hat Vorfahrt – Auto oder Kinderwagen?
Des Deutschen liebstes Kind ist vielleicht doch das Auto und nicht die eigene Gesundheit – und schon gar nicht die der Umwelt. Anders ist es kaum zu verstehen, dass bereits in den 90er Jahren zwar 80 Prozent der städtischen Bevölkerung der Meinung waren, die Städte müssten verkehrs-beruhigt bzw. verkehrsreduziert werden. Aber gleichzeitig waren und sind die Bürger bis heute nicht bereit, ihren Kilometerkonsum einzuschränken. Zu Beginn des Jahres 2012 waren in Deutschland 42.927.647 Pkw zugelassen – so viele wie nie zuvor. Mediziner geben den Rat, dem Verkehr auszuweichen und sich im Grünen zu bewegen. Das ist sicherlich richtig, gleichzeitig aber zu kurz gedacht. Viele Stadtbewohner können den Auspuffgasen streckenweise kaum ausweichen. In manchem Ort sieht man morgens, wie sich die Schülerscharen in Abgaswolken ihren Weg zur Schule bahnen. In den sich stauenden Autos auf der Straße sitzen nicht selten Eltern, die ihren Nachwuchs auf vier Rädern zur Schule befördern, statt sie gehen oder radeln zu lassen – und damit noch nebenbei dem Bewegungsmangel entgegen zu wirken.

Umweltbundesamt: Feinstaubbelastung  war auch 2012 zu hoch
Besonders schädlich, das weiß man nun seit einiger Zeit, ist der Feinstaub, der mindestens zur Hälfte aus den Auspuffrohren der Kraftfahrzeuge stammt. Anfang Februar 2013 vom Umweltbundesamt herausgegebene Zahlen zeigen: Die Luft in Deutschland war auch 2012 zu stark mit Feinstaub belastet. Belastungsspitzen finden sich übrigens Jahr für Jahr in den Monaten Januar und Februar.    Als Eltern sollte man sich überlegen, ob man in diesen Monaten in der Stadt überhaupt mit seinem Nachwuchs an die „frische Luft“ geht. Doch glücklicherweise kann man vor einem möglichen Spaziergang auf der Homepage des Umweltbundesamtes die tagesaktuellen Feinstaub-Immis-sionswerte nachsehen und gegebenenfalls daheim bleiben. Oder mit dem Auto in die Natur fahren.

Weitere Informationen finden Sie im DGK Web:

Feinstaub – Gesundheitsschäden auch unterhalb des Grenzwertes

Quellen:

(1) Meldung der „Lungenärzte im Netz“ vom 10.1.2013: Alarmierende Studie - Kleinstkinder besonders empfindlich gegenüber Luftschadstoffen
(2) Schultz, E.S. et al.: Traffic-related air pollution and lung function in children at 8 years of age: a birth cohort study. American Journal of respiratory and critical care medicine, online publiziert am 26.10.2012; doi: 10.1164/rccm.201206-1045OC
(3) Gruzieva, O. et al.: Exposure to air pollution from traffic and childhood asthma until 12 years of age, Epidemiology. 24(1):54-61, 2013; doi: 10.1097/EDE.0b013e318276c1ea.
(4) Nordling, E. et al.: Traffic-related air pollution and childhood respiratory symptoms, function and allergies. Epidemiology, 19(3):401-8, 2008; doi: 10.1097/EDE.0b013e31816a1ce3.
(5) Rojas-Martinez, R. et al.: Lung function growth in children with longterm exposure to air pollutants in Mexico City, American Journal of respiratory and critical care medicine, 15;176(4):377-84, online publiziert am 19.4.2007
(6) Krishnan Bhaskaran, 20 September 2011: The effects of hourly differences in air pollution on the risk of myocardial infarction: case crossover analysis of the MINAP database; BMJ 343: d5531; doi: 10.1136/bmj.d5531
(7) Freie Fahrt für freie Bürger? : Elemente einer rationalen Autonutzung in den neuen Bundesländern; eine Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 14. Oktober 1993 in Dresden;
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(8) Umweltbundesamt: Daten zur Umwelt – Kraftfahrzeugbestand
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(9) Einhaltung der Grenzwerte für Luftschadstoffe weiter problematisch
Opens external link in new windowhttp://www.umweltbundesamt.de/luft/index.htm

                                                 INFOKASTEN  FEINSTAUB

Als Feinstaub bezeichnet man Teilchen in der Luft, die kleiner als 10 Millionstel Meter sind.

Wichtige Quellen
der kleinen Partikel sind Kraftfahrzeuge, Kraftwerke, Abfallverbrennungsanlagen, Öfen und Heizungen in Wohnhäusern und bestimmte Industrien. Eine weitere wichtige Quelle ist die Landwirtschaft. In Ballungsgebieten ist vor allem der Straßenverkehr eine bedeutende Feinstaub-quelle.

Die Spitzenwerte der Feinstaubbelastung in der Außenluft treten an Orten auf, die entweder durch ein hohes Verkehrsaufkommen – insbesondere bei hoher Bebauung in so genannten Straßen-schluchten – oder industriell geprägt sind. Dies ist vor allem in Ballungsräumen der Fall.

Die seit 2005 geltenden Grenzwerte werden Jahr für Jahr an stark vom Verkehr beeinflussten Standorten in Städten und Ballungsräumen überschritten.

Die Höhe der Feinstaubbelastung ist abhängig von Witterungsverhältnissen. Winterliche Hochdruckwetterlagen mit geringen Windgeschwindigkeiten und einem eingeschränkten vertikalen Luftaustausch begünstigen die Anreicherung von Feinstaub in den unteren Luftschichten. Wetterlagen mit hohen Windgeschwindigkeiten und somit guten Durchmischungsbedingungen verstärken hingegen die Verdünnung von Schadstoffen in der Luft.

Das Einatmen von Feinstaub ist gesundheitsschädlich. Erst jüngst entdeckten Wissenschaftler in einem deutsch-amerikanischen Forschungsprojekt einen gesicherten Zusammenhang zwischen einer dauerhaften Feinstaubbelastung und lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Vieles, was hilft, Energie zu sparen, dient auch der Verringerung der Luftbelastung mit Feinstaub.

Quelle: Umweltbundesamt